KI entsteht zweimal -- Copilot, deine Datenplattform und die Brücke dazwischen
Wer braucht warum welchen Kompetenzgewinn?
Diesen Beitrag gibt es auch auf Englisch: Who Needs to Gain Which Competence, and Why?
Meine zwei Kinder lernen gerade Radfahren, und ich schau ihnen zu, wie sie sich plagen, umfallen, wieder aufsteigen und es langsam heraußen haben. Ich bin kein Experte darin, Kindern irgendwas beizubringen, ich versuch halt mein Bestes mit meinen zweien. Eines weiß ich aber ganz sicher. Es würde überhaupt nichts bringen, wenn ich ihnen drei Webinare zu je 45 Minuten übers Radfahren vorspiele, ihnen sag, sie sollen jetzt einfach losfahren, und für Fragen in zwei Wochen einen Expertencall anbiete. So lernt niemand Schwimmen, und Blockflöte schon gar nicht, weil man es tun muss, umfallen, verstehen, aufstehen und weitermachen.
Mit diesem Bild hab ich im September unsere Masterclass „KI-Agents greifbar machen“ bei Solvion eröffnet, die dritte heuer, die Stephan Bisser, Christina Lierzer, Armin Einfalt und ich gemeinsam gemacht haben. Bevor Armin erklärt hat, was ein Agent braucht, bevor er gebaut wird, Stephan live einen gebaut hat und Christina dafür gesorgt hat, dass ihn dann auch wer nutzt, weil sonst das Haus leer steht und keiner einzieht, hab ich die Session mit vier Fragen eingerahmt. Das sind die Fragen, die wir uns vor jedem AI- oder Agent-Projekt selbst stellen, und ich hab dem Publikum gesagt, dass es sie gern mitnehmen und intern verwenden darf. In dieser Serie bekommt jede davon ein bisschen mehr Platz als die zehn Minuten, die ich damals hatte.
Die Frage hat absichtlich zwei Lesarten
Die erste Frage lautet „Wer braucht warum welchen Kompetenzgewinn?“, und wie alle vier ist sie bewusst doppeldeutig gestellt. Sie meint zwei Dinge gleichzeitig, und ich sag absichtlich Kompetenzgewinn und nicht Skills, weil Skills im AI-Umfeld inzwischen etwas ganz anderes heißen.
Die erste Lesart ist die naheliegende. Was müssen Leute lernen, damit sie das neue Werkzeug überhaupt nutzen können? Es gibt ein neues System, also muss man den Umgang damit lernen, wie man Copilot promptet, wo die Agents wohnen, was man glauben darf und was man besser nachprüft. Das ist Werkzeugkompetenz, und die ist endlich und trainierbar, man kann sie in einen Lehrplan schreiben und abhaken. Sie ist der Eintrittspreis, also das, was passieren muss, bevor überhaupt irgendwas anderes passieren kann.
Die zweite Lesart zoomt raus, eine Flughöhe weiter oben. Was gewinnt jemand in seinem eigenen Fach, wenn er das Werkzeug so einsetzt, dass es für seine Arbeit wirklich Sinn ergibt? Da geht es nicht darum, geschmeidig mit Copilot umzugehen, sondern darum, was sich am Job einer Einkäuferin oder eines Projektleiters ändert, sobald das Werkzeug fixer Teil ihrer Arbeit ist. Dieser Gewinn ist der Ertrag, der die Kosten rechtfertigt, und genau das würde jedes ernsthafte Erfolgsmodell Wirkung nennen.
Wer nur die erste Lesart beantwortet, schult Leute und nennt das dann Wirkung.
Was das Radfahren mit Copilot-Rollouts zu tun hat
Wir sehen dasselbe Muster quer durchs Land. Da gibt es große Folien über Revolution und die neue Arbeitswelt, danach drei Sessions zu je 45 Minuten, und dann erwartet man, dass die Jobs ganz anders ausschauen und alles funktioniert. Das tut es natürlich nicht. Werkzeugschulung braucht es, aber sie deckt nur die erste Lesart ab, und die zweite entsteht überhaupt nicht in einer Schulung. Sie entsteht, wenn Leute das Werkzeug an ihrer echten Arbeit verwenden, danebenliegen, nachjustieren und langsam herausfinden, wo es für sie etwas verändert.
Das hat Folgen für die Lizenzen, und das ist der Teil, den Leute mit einer Microsoft-Mailadresse im Publikum meistens am wenigsten gern hören. Wenn der Ertrag daraus kommt, dass Leute AI in ihrem Fach sinnvoll einsetzen, dann ist es ziemlich wichtig, wer zuerst eine Lizenz bekommt, und die Gießkanne, mit der ein paar tausend Lizenzen gleichmäßig verteilt werden, bringt diesen Ertrag nicht von allein. Ich fang lieber bei den Rollen und Gruppen an, bei denen die zweite Lesart eine Antwort hat, wo wir vorher sagen können, was eine Person in dieser Rolle anders machen würde und was das wert wäre, weil eine Lizenz für jemanden, der nie über die erste Lesart hinauskommt, im Grunde ein Schulungsbudget mit Monatsgebühr ist.
Die Frage vor der nächsten Rollout-Welle
Im Alltag verwende ich die Frage ganz einfach. Vor einer Lizenzwelle oder einem neuen Agent stellt man beide Lesarten laut und schreibt die Antworten nebeneinander auf. Die linke Spalte ist meistens schnell gefüllt, weil sie der Lehrplan ist. Interessant wird das Gespräch in der rechten Spalte, weil „die Leute werden produktiver“ keine Antwort ist, „unsere Projektleiter schreiben Statusberichte nicht mehr per Hand und verbringen die Zeit stattdessen beim Kunden“ dagegen schon, und die kann man in drei Monaten auch tatsächlich nachprüfen.

Und wenn die rechte Spalte leer bleibt, ist das noch kein Grund, die Sache abzublasen, dann suchst du dir eben die Leute, bei denen sie nicht leer ist, und fängst bei denen an.
Die nächste Frage kommt von der anderen Seite und will wissen, welches Problem es überhaupt wert ist, gelöst zu werden.
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