Cogito, Ergo Build

Cogito, Ergo Build

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Diesen Beitrag gibt es auch auf Englisch: Cogito, Ergo Build

Am Samstag hatten wir bei den CollabDays Belgium eine Folie mit René Descartes drauf, das Porträt von Frans Hals, und daneben den einen Satz, an dem er nicht zweifeln konnte. Genau genommen hat er ihn zuerst auf Französisch geschrieben, „je pense, donc je suis“, 1637 im Discours de la méthode, und das lateinische „cogito, ergo sum“ taucht erst sieben Jahre später in seinen Principia philosophiae auf. Unsere Version für 2026 war „cogito, ergo build“, mit der Zeile darunter, dass klares Denken zum Engpass wird, wenn Bauen fast nichts mehr kostet. Der Gedanke begleitet mich schon seit Monaten als „wenn ich es denken kann, kann ich es bauen“, und seinen Charme hat er erst bekommen, als ich ihn eine Nummer größer gedacht und mit cogito, ergo sum verbunden hab.

Bauen ist so billig geworden, dass es in der Mittagspause passiert

Den billigen Teil zu zeigen ist leicht. Vor Kurzem hab ich unserem Vertrieb dabei zugeschaut, wie er sich durch eine Microsoft-Liste klickt, hier klicken, dort klicken, bis die Zahlen da waren, die er braucht. Ich bin Mittagessen gegangen und hab mit Bob geredet, dem Builder-Agent in meiner Flotte. Zwei Stunden später hatten sie ein Dashboard-Webpart in SharePoint, das genau das gemacht hat, wofür das ganze Klicken gedacht war. Am Samstag hab ich dasselbe auf der Bühne gemacht, die erste Reihe nach einer Lieblingsfarbe gefragt, ein paar Sätze ins Handy gesprochen, und Bob hat ein Speaker-Memory als SPFx-Webpart in Blau gebaut und deployt, während Stephan und ich weitergeredet haben. Die Sprach-Pipeline dahinter kostet ein paar Cent für Service Bus und eine Azure Function und rund vier Euro im Monat für die Transkription.

Auf dem Flug zum MVP Summit heuer bin ich neben jemandem von Meta gesessen, wo sie fast ihre ganze Werkzeugkette selbst bauen, und ich hab ihn gefragt, wann er zuletzt Code angeschaut hat. Er hat eine Weile nachgedacht und dann zugegeben, dass er sich schlicht nicht erinnern kann. Es funktioniert halt, es läuft. Das ist die Welt, in der wir jetzt sind, und selbst ich bin mir nicht sicher, ob das immer klug ist. Ich vermute, es hängt stark davon ab, was man baut, denn das 27. Content-Aggregation-Webpart in SPFx ist nicht dasselbe wie die Steuerung eines Atomkraftwerks. Man muss wissen, womit man es zu tun hat, bevor man entscheidet, wie viel Code nie wieder jemand liest. Das ist ganz normale Risikoanalyse, und die verschwindet nicht, nur weil Bauen billig geworden ist. Für das meiste, was ich baue, ist Coden aber erledigt, so hab ich es auf der Bühne gesagt, und ich hab es wörtlicher gemeint, als die meisten es wohl verstanden haben. Wenn du es denken kannst, kannst du es bauen.

Die einzige Frage, die bleibt: Kannst du es denken?

An der zweiten Hälfte des Satzes wird es schwierig. Wenn das Bauen gratis ist, rückt alles nach vorne, was sich früher hinter dem Aufwand des Bauens versteckt hat, und das ist vor allem Denken. Welches Problem löse ich eigentlich, wie sieht fertig aus, und was muss der Agent wissen, damit er nicht raten muss? Stephan und ich sind am Vortag mit buchstäblich null Folien nach Belgien geflogen, und das stimmt in dem Sinn, dass es nirgends ein einziges Bit oder Byte eines Decks gab. Was wir hatten, waren Wochen, in denen wir uns mit den Themen auseinandergesetzt haben, so wie wir es vor jedem Vortrag machen, mit stundenlangem Recherchieren und Ausprobieren. Dieses Fundament ist der Grund, warum wir heute mit AI in wenigen Stunden fertig sind, viel schneller als früher. Optimiert haben wir das Bauen der Folien und Demos, nicht das Denken, und das Erste, was existiert hat, war eine Storyline in Markdown, weil dort das Denken landet, bevor ein Agent etwas daraus machen kann.

Jedes Werkzeug, über das wir an dem Tag geredet haben, Copilot, Claude Code oder mein eigenes Setup, ist ein Harness um ein Modell, das sich an nichts erinnert, und die einzige echte Aufgabe, die uns bleibt, ist guter Kontext im Kontextfenster. Guter Kontext heißt nicht mehr Kontext. Geb ich einem Agent drei Optionen, die sich widersprechen, kann er nicht wissen, welche ich gemeint hab, und kein noch so starkes Modell rettet einen verworrenen Auftrag. Der Engpass ist von meinen Händen in meinen Kopf gewandert, und mein Kopf wird nicht im selben Tempo schneller wie die Modelle.

Meine Abkürzung waren zwanzig Jahre Handarbeit

Und das ist der Teil, der mir unangenehm ist. Wenn Bob dieses Dashboard in zwei Stunden baut, funktioniert das, weil ich weiß, wie ich ihn steuere, und das weiß ich, weil ich seit 2007 in SharePoint unterwegs bin. Ich seh, wenn er danebenliegt, oft bevor er es selbst merkt, und nichts davon hab ich aus Büchern. Es kommt vom langsamen Weg, vom Kaputtmachen und Reparieren, mit ordentlich Dreck unter den Fingernägeln.

Fair verteilt ist das nicht, und das hab ich im Raum auch so gesagt. Am meisten holen gerade die aus diesen Werkzeugen heraus, die es auf die harte Tour gelernt haben, bevor es die Werkzeuge gab, der Vorteil landet also genau bei denen, die ihn am wenigsten gebraucht hätten. Das Urteilsvermögen, das billiges Bauen nützlich macht, wurde mit teurem Bauen bezahlt.

Die nächste Generation bekommt keinen Dreck unter die Fingernägel

Stephan und ich unterrichten beide an der Uni daheim, und in jeder einzelnen Lehrveranstaltung fragt mich jemand, was man jetzt lernen soll. Das ist eine harte Frage, wenn sie dir ein Neunzehn- oder Zwanzigjähriger ernsthaft stellt. Ich weiß es nicht ganz, weil es den Weg, der mich brauchbar gemacht hat, für sie so nicht mehr gibt. Niemand wird sie das Dashboard zuerst von Hand bauen lassen, und warum auch, wenn ein Agent es in der Mittagspause erledigt?

Woran ich aber glaube: Wir müssen Umgebungen schaffen, in denen sich junge Leute absichtlich noch plagen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil man an einem Problem, mit dem man ringt, das Denken darüber lernt, und Denken ist genau das, was gerade wertvoller geworden ist. Kommt alles fertig gebaut und fertig beantwortet daher, hören die Leute auf, zu hinterfragen, was zurückkommt, und kritisches Denken ist genau die Fähigkeit, von der das billige Bauen abhängt. Wir sind dabei, den Ort wegzuautomatisieren, an dem Menschen das gelernt haben, was wir jetzt am dringendsten von ihnen brauchen.

Cogito, ergo build, aber wer bringt das Cogito bei?

Descartes hat an allem gezweifelt, bis nur eine Sache übrig war, die er nicht wegargumentieren konnte, und 2026 ist das Bauen nicht mehr diese Sache. Jeder kann jetzt bauen, und das ist gut so, dem Boilerplate-Schreiben wein ich keine Träne nach. Übrig bleibt das Denken, und wenn wir in fünf oder zehn Jahren Leute wollen, die klar über das nachdenken können, was sie bauen, muss jemand dafür sorgen, dass sie den langsamen, mühsamen Teil zuerst noch erleben dürfen. Die fertige Antwort darauf hab ich noch nicht. Ziemlich sicher bin ich mir aber, dass „frag halt den Agent“ es nicht ist.

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